Kompetenzbasierte Bewertung von Prüfungen

In diesem Artikel möchte ich aufzeigen, wie ich versuche in meinem Mathematik-Unterricht eine kompetenzbasierte Bewertung umzusetzen. Der Ansatz geht neue Wege in der Gestaltung, Umsetzung und Bewertung von Prüfungen, basiert aber grösstenteils noch immer auf den klassischen Mathematikaufgaben.

Wieso braucht es neue Prüfungsformen?

Viele Prüfungen, unter anderem auch in der Mathematik, sind seit Jahren nach demselben Muster aufgebaut: Aufgaben zum Thema mit einer gewissen Streuung in der Schwierigkeit, versehen mit einer zu erreichenden Punktezahl.

Zu beobachten ist dann häufig, dass die Lernenden …

    • … sich nur für die Note interessieren, um ihren aktuellen Durchschnitt per App auszurechnen.
    • … nicht wissen, welche Teilgebiete sie gut oder nicht so gut umsetzen konnten.
    • … das Thema sofort beiseitelegen – physisch die Prüfung und psychisch im Kopf, Hauptsache ein Thema mehr erledigt.
    • … sich eigentlich nur dafür interessieren, wo noch Punkte herauszuholen sind und nicht, wie sie das Thema besser umsetzen könnten.

Diese Beobachtungen und die Diskussionen rund um Kompetenzen führten mich dazu, nach neuen Prüfungsarten zu suchen und dabei stiess ich auf das Standard-based Grading System.

Im Folgenden möchte ich nicht auf Vor- oder Nachteile dieses amerikanisch geprägten Ansatzes eingehen, sondern versuchen aufzuzeigen, wie ich dies in meinem Mathematikunterricht umsetze.

Ziele eines kompetenzbasierten Prüfungssystems

Mit der Umsetzung eines auf Kompetenzen basierten Prüfungssystems, sollen folgende Ziele erreicht werden:

    1. Lernende sprechen über erreichte Kompetenzen und Niveaus und nicht über Noten.
    2. Lernende entwickeln mehr Selbständigkeit um ihre Ziele zu erreichen.
    3. Lernende setzen sich aktiv mit ihren Stärken und Schwächen auseinander.
    4. Lernende haben die Möglichkeit zu zeigen, dass sie sich auch weiterentwickeln.

In den nachfolgenden Abschnitten möchte ich im Detail auf die konkrete Umsetzung in Unterricht eingehen. Ich unterrichte Klassen der Berufsmaturität Typ Wirtschaft.

Inhaltsübersicht

Kompetenzenübersicht

Ziel: Die Lernenden haben einen Überblick über den gesamten Lerninhalt des Semesters und den abzulegenden Kompetenzen.

Zu Semesterbeginn erhalten die Lernenden eine Übersicht über alle Kompetenzen, welche im kommenden Semester abgelegt werden müssen. Je nach Lektionenzahl und weiteren Projekten ist die Anzahl der Kompetenzen unterschiedlich (zwischen 6 bis 15 Kompetenzen).

Kompetenzenübersicht eines Semesters

Termine und Prüfungsdauer

Ziel: Die Lernenden können sich eine individuelle Planung zurechtlegen und die Einteilung selbständig vornehmen.

Alle Termine der Komptenzüberprüfungen werden ebenfalls zu Semesterbeginn kommuniziert inklusive der zur Verfügung stehenden Zeit. In der Prüfungsdauer wird miteingerechnet, welche Kompetenzen etwa wann abgelegt werden (je nach persönlichem Stoffplan des Semesters) sowie allfällige Retake-Eingaben, welche weiter unten erläutert werden.

Die Prüfungsdauer ist unabhängig von der Anzahl Kompetenzen, welche an einem Prüfungsdatum abgelegt werden. Dies fördert, dass sich die Lernenden damit auseinandersetzen, wie sie die Kompetenzen aufteilen wollen und erlaubt auch langsameren Lernenden eine individuelle Herangehensweise.

Kompetenzeingabe

Ziel: Die Lernenden entscheiden selber, welche Kompetenzen sie ablegen möchten und müssen aufzeigen, dass sie an diesen gearbeitet haben.

An einer Kompetenzüberprüfung kann ein Lernender nur Kompetenzen ablegen, welche er auch angemeldet hat. Dazu müssen in einem Formular (aktuell eine vorbereitete OneNote-Seite) mindestens zwei Aufgaben dieser Kompetenz eingereicht werden.

Aus dem Unterrichtsablauf ist ersichtlich, welche Kompetenzen aktuell in etwa eingereicht werden sollen. Zudem weise ich im Unterricht auf diese hin, damit Lernende nicht in Verzug geraten. Jedoch entstehen durch die Kompetenzeingabe individualisierte Prüfungen, auf welche sich die Lernenden gezielt vorbereiten können.

Individuelle Kompetenzeingabe

Die Eingabe wird durch die Lehrperson genehmigt und erst dann ist die Kompetenz an der Prüfung zugelassen. Hier besteht seitens Lehrperson die Möglichkeit, auf Fehler aufmerksam zu machen oder ein individuelles Feedback z.B. zu dem gewählten Schwierigkeitsgrad der Aufgabe zu geben.

Es ist nicht vorgegeben, welche Aufgaben eingegeben werden müssen. Diese können auch Teil des Unterrichts gewesen sein. Es zeigt sich aber, dass sich die Lernenden vorgängig zur Prüfung mit dem Thema auseinandersetzen müssen und animiert, vielleicht doch noch eine weitere Aufgabe zum Thema zu trainieren.

Kompetenzüberprüfung

Ziel: Mit Hilfe von unterschiedlichen Kompetenzniveaus kann jede*r Lernende an allen eingereichten Kompetenzen arbeiten.

Durch die unterschiedlichen Kompetenzeingaben entstehen individualisierte Prüfungen. Technischer Hinweis: Ich habe mir diesen Prozess mit Hilfe von Excel und Latex-Aufgaben automatisiert. Jedoch können auch einfach alle Kompetenzen verteilt werden und die Lernenden markieren sich zu Beginn mit einem Marker, welche Kompetenzen sie an dieser Überprüfung ablegen.

(1) Für jede Kompetenz beinhaltet die Kompetenzüberprüfung genau eine Aufgabe. Die Lernenden wissen also ganz genau, wie viele Aufgaben sie erwarten und können so die Zeit besser einteilen. Natürlich brauchen gewisse Aufgaben mehr Zeit wie andere, aber die Schwankungen können über die Dauer eines Semester gut ausgeglichen werden.

Kompetenzaufgabe mit den drei Niveaustufen

(2) Jede Kompetenzaufgabe beinhaltet drei Niveaustufen: Basis, Standard und Expert. Die Lernenden entscheiden während der Prüfung, welche Niveaustufen sie lösen. Die Grundidee ist, dass Standard gelöst werden kann was ca. der Note 5 entspricht. Schwächere Lernende lösen die Basisaufgabe, was aber noch zu keiner genügenden Note führt, da die Ziele gemäss Lehrplan mit diesen Aufgaben noch nicht erreicht sind. An Expert wagen sich die guten, dies sind meist sehr herausfordernde Aufgaben.

(3) Nur das höchste erreichte Niveau fliesst in die Bewertung ein. Die Lernenden sollen motiviert werden, das Beste aus sich herauszuholen. Viele sichern sich ab, in dem sie neben Standard zusätzlich die Basisaufgabe lösen. Dies ist so gewollt und darf also nicht bestraft werden, falls Fehler gemacht werden auf tieferem Niveau.

Die Bewertung und Rückmeldung zu den Kompetenzen wird weiter unten noch genau erläutert. Vorher möchte ich aber noch auf die sogenannten Retake-Möglichkeiten eingehen.

Retake-Möglichkeiten

Ziel: Die Lernende haben die Möglichkeit zu zeigen, dass sie sich weiterentwickeln und ihre Kompetenzen steigern können.

Damit eine Prüfung nicht einfach beiseitegelegt und das Thema abgehakt wird, haben die Lernenden die Chance nochmals zu beweisen, dass sie ihre Komptenzen auch steigern können.

Bei jeder Kompetenzüberprüfung besteht die Möglichkeit sogenannte Retakes anzumelden. Dies bedeutet, dass eine bereits abgelegte Kompetenz nochmals in die Überprüfung aufgenommen wird. Dazu ist ebenfalls eine Eingabe erforderlich:

    1. Kurze Rückmeldung, was nicht geklappt hat und wie man dies verbessern kann.
    2. Verbesserung der Kompetenz aus der abgelegten Überprüfung.
    3. Wiederum eine Eingabe von mind. zwei Aufgaben um zu zeigen, dass an der Kompetenz gearbeitet wurde.

Die Lernenden entscheiden selbständig, welche Retakes sie nehmen möchten und wie sich eine Kompetenzüberprüfung aus neuen Kompetenzen sowie Retakes zusammensetzt. Dazu muss natürlich ab dem zweiten Prüfungstermin Zeit eingeplant werden, ansonsten wird dieses Angebot nicht wahrgenommen.

(1) Es gibt keine Einschränkungen zur Anzahl Retakes. Die Erfahrung zeigt, dass die Lernenden dies gut einteilen können. Zudem wird alles über die zur Verfügung gestellte Zeit geregelt.

(2) Der letzte Prüfungstermin wird als Retake-Prüfung geplant. Grundidee ist, dass bis zum vorletzten Termin alle Kompetenzen abgelegt werden könnten, um am letzten Termin nochmals Retakes mithineinzunehmen.

(3) Mit Retakes kann eine Komptenz nur verbessert, nie verschlechtert werden. Ohne diese Regel führen Retakes zu Stresssituationen und würden nur sehr selten eingesetzt werden. Der angestrebte positive Effekt würde sofort verpuffen.

Bewertung und Rückmeldung

Ziel: Die Lernenden erkennen ihre Stärken und wo sie noch Entwicklungspotenzial haben. Sie orientieren sich an Kompetenzen und zu erreichenden Niveaus.

Grundsätzlich wir immer das höchste erreichte Niveau einer Kompetenz in die Bewertung miteinbezogen. Zudem versuche ich reine Flüchtigkeitsfehler von logischen Überlegungsfehlern zu unterscheiden und unterschiedlich zu bewerten. Zum Beispiel kann die Stufe Standard erreicht werden, auch wenn durch ein Abschreibfehler alles falsch herausgekommen ist.

Jeder einzelnen Kompetenz wird in der Rückmeldung ein Niveau zugeordnet:

    • Expert : Die Expert-Aufgabe konnte gelöst werden.
    • Standard+ : Sehr gute Leistung noch mit kleinen Fehlern drin.
    • Standard : Die Standard-Aufgabe konnte korrekt gelöst werden oder es wurden gute Ansätze in der Expert-Aufgabe gezeigt.
    • Standard- : Auf Stufe Standard hat es noch Elemente, welche nicht ganz passen.
    • Basis+ : Es fehlen noch ein paar Schritte um Standard-Aufgaben korrekt lösen zu können.
    • Basis : Die Basis-Aufgabe konnte korrekt gelöst werden.
    • nicht erfüllt: Auch die Basis-Aufgabe konnte noch nicht gelöst werden.
    • keine Bewertung: Die Kompetenz wurde nicht angepackt.

Diese Niveaustufen können natürlich unterschiedlich gewählt werden. Persönlich habe ich gemerkt, dass nur eine Abstufung zwischen Basis und Standard zu wenig die erreichte Kompetenz widerspiegelte und deshalb Basis+ und Standard- eingeführt.

Rückmeldungsraster mit Kompetenzniveaustufen

Den verschiedenen Niveaustufen ist eine Note hinterlegt, welche ich den Lernenden aber nicht kommuniziere. Sie sehen jeweils nur die aktuelle Semesternote anhand der bereits abgelegten Kompetenzen. Je näher die Lernenden dem Semesterende sind, umso weniger können sie an der Note noch ändern. Die dunkleren Farben im Raster weisen auf Retakes hin.

Neben den reinen Kompetenzen ist es hier natürlich möglich, noch weitere Rückmeldungen miteinfliessen zu lassen.

Fazit

Persönlich bin ich aktuell sehr zufrieden mit dieser Art der kompetenzbasierten Bewertung. Es hilft den Lernenden und mir besser zu verstehen, welche Themen gut klappen und wo noch Bedarf besteht. Zudem motiviert es die Lernenden, ein Thema nochmals anzupacken und zu beweisen, dass man es besser kann.

Ein paar wenige gesammelte Feedbacks seitens Lernende:

    • Am Anfang war ich skeptisch. Doch schlussendlich ist es eine sehr gute und faire Methode.
    • Absolut super! Zu Beginn etwas Schwierigkeiten das Prinzip zu verstehen. Doch jetzt bin ich riesen Fan!
    • Es wirkt manchmal übertrieben ausgedrückt ein bisschen willkürlich. Ich glaube, dass die einzelnen Bewertungen daher nicht immer von den Schülern nachvollziehbar sind. Schlussendlich würde ich jedoch sagen, dass die Endnoten repräsentativ sind.
    • Das System selber hat mir gut gefallen, es ist modern und innovativ. Die Retake-Möglichkeiten sind motivierend und tragen stark zum persönlichen Lernfortschritt bei. Jedoch bin ich klar der Meinung ein solches System sollte transparent sein was die Umrechnung ins herkömmliche Notensystem betrifft.

Weiterführende Links zu Standard-based Grading:

https://www.schoology.com/blog/standards-based-grading
https://www.teacherease.com/standards-based-grading.aspx
https://www.edutopia.org/blog/peaks-pits-standards-based-grading-josh-work

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